25. März 2010 in Kategorie: Buchdiagnose

Autor: Anne Wolowski / Hans-Joachim Demmel
Verlag: Schattauer
Preis: 49,95 EUR
ISBN: 978-3-7945-2629-1
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Rezension: Dr. med. dent. Hans Sellmann

Professor Müller Fahlbuschaus Münster war seinerzeit in den Augen vieler Zahnärzte so etwas wie Esoteriker heute. Er hatte eine feste Fangemeinde, andere (Zahnärzte) aber lehnten seine Aussagen strikt ab. Und unter den Ablehnenden waren nicht nur junge Kollegen. Die meisten sogar gestandene Zahnärzte, die die Wehwehchen und Zipperlein ihrer Patienten schon genau kannten. Und auch deren Macken. Natürlich beschwerten sie sich manchmal in Stammtischrunden, dass der oder die wohl nicht mehr ganz bei Trost sei mit seinen ewigen Problemen mit den Prothesen. Ob aber unterschwellig auch bei ihnen die Vermutung aufkam, dass an jedem Zahn ein ganzer Mensch hinge? Das zwar nicht unbedingt im Tenor des gleichnamigen, extrem kontrovers diskutierten Buches. Aber, dass Soma und Psyche untrennbar miteinander verbunden sind und das eine Auswirkungen auf das andere hat, das leuchtet spätestens dann ein wenn wieder `mal ein 28 perfekt ausgeführt den (häufiger noch die) Patienten (in) x- mal in die Praxis trieb. Bis man herausfand, dass auch der Vorbehandler gescheitert war.

Dünn und dick: Zeitgeist?

Umfasste Müller- Fahlbuschs Buch noch „nur“ wenige Seiten, so sind es bei Wolowski / Demmels „Psychosomatische Medizin und Psychologie für Zahnmediziner“ aus dem Schattauer Verlag bereits 223 ohne Literaturangaben und Glossar. Ja ist denn die „Psycho- Kurve“ in der Zahnmedizin in den zurückliegenden Jahren exponentiell so steil nach oben gegangen? Sind die Lebensumstände heute so, dass alles nur noch über die Zähne abgearbeitet wird? Ich habe mir als einer der Ersten dieses Buch gesichert und die (langen) Tage zwischen den Jahren damit verbracht es zu studieren. Für die Ungeduldigen vorweg: Ja, es lohnt sich die 44,95 Euro dafür auszugeben. Dann aber heißt es sich durchbeißen durch eine Materie, die dem Zahnarzt als solchem fremd ist. Zwar sollen und müssen auch wir Zahnärzte immer mehr die sprechende Medizin anwenden, aber das, was die Psychosomatiker und Psychologen in ihrem Beruf tun, das widerspricht doch eigentlich unserem manuell geprägtem Zahnarztbild.

Reden, reden, reden………..

………besser aber ist es auch mal den Patienten reden zu lassen, in der Anamnese nämlich. Die kommt, wir haben´s ja stets eilig (Kassenzahnmedizin halt) meistens zu kurz. Und das rächt sich bitter. In der Anamnese nämlich können wir, sind wir (mit diesem Buch) geschult, bereits die meisten derjenigen aussortieren, die uns später buchstäblich zur Weißglut bringen- und einen frühzeitigen Burnout hervorrufen können. Am besten wäre es sowieso, wenn wir einige unserer überkommenen Verhaltensmuster ändern würden und zum Beispiel zunächst ein Gespräch außerhalb des Behandlungsstuhls durchführten. Oder wie ist dieser: (Zitat Demmel) …..“Der Wille des Zahnarztes zum Versuch den Patienten zu verstehen“. Wollen wir denn? Wir müssen! Denn: (Lamprecht) „Die naturwissenschaftliche Medizin ignoriert nicht nur die Person des Kranken, sondern auch das Arzt- Patienten- Verhältnis als bedeutende Faktoren.“

Leistungskatalog

Traurig aber wahr: Für die Zahnmedizin konnte leider die Einführung der psychosomatischen Grundversorgung in den Leistungskatalog noch nicht realisiert werden. Da steh ich nun, ich armer Zahnarzt und muss „in die Falle“ des Patienten tappen. Gut nur, dass der das ja nicht extra macht um uns zu ärgern, sondern weil es der einzige Weg ist seine Befindlichkeitsstörungen loszuwerden. Das allerdings sollte uns auch erlauben die erforderliche Distanz zum Patienten zu wahren um uns nicht „auffressen“ zu lassen. Viel Theorie.

Notwendig? „Lerntheoretisches Modell zur Entstehung von Angststörungen (führt bei Kindern zu Vermeidungsverhalten →Konditionierung.

Wichtig: Die Ausführungen zu der Beschreibung von Schmerzschilderungen (verdächtig wenn ein Patient sie z. B. als mörderisch bezeichnet) deuten auf Psychogenie hin.

M. E. zu weit gehend und in der normalen Praxis kaum realisierbar: Die biopsychosoziale Anamnese und auch: Berufsanamnese etc.

Unabdingbar jedoch: Warnung vor Kompetenzüberschreitung und Laienpsychotherapie durch den Zahnarzt.

Adressen: kompetenter zahnärztlich versierter Psychotherapeuten sollten verfügbar sein. Gut gesagt- woher nehmen?

Ist einmal der theoretische Teil des Buches abgearbeitet, wird´s ein wenig interessanter und leichter. Jeder wird wohl den einen oder anderen seiner Patienten in den Schilderungen wiedererkennen und, merkt er sich sorgfältig die Ratschläge, demnächst in einem anderen Licht sehen- ihm professioneller begegnen können. Wie sieht sich das Werk der Herausgeber Wolowski und Demmel (Schön, dass sie die fähigsten Leute auf diesem Gebiet als Autoren gewinnen konnten) selbst?

Die Bedeutung der Psychosomatik als Auslöser von Beschwerden zeigt sich zunehmend auch im zahnmedizinischen Bereich. Die Behandelnden können in der Regel allerdings nicht auf das Hintergrundwissen und die praktische Erfahrung mit einer psychosomatisch ausgerichteten Gesprächsführung zurückgreifen.

Diesem Umstand trägt das aktuelle Lehrbuch als einziges Werk im deutschsprachigen Raum kompakt und praxisbezogen Rechnung.

Im Grundlagenteil vermittelt es Basiswissen zur Psychologie, Psychosomatik, Neurologie und Psychiatrie. Die Kenntnis der psychosomatischen Krankheitsmodelle und das Erlernen des im biopsychosozialen Sinne „richtigen“ Umgangs mit Patienten helfen, viele rein technisch nicht beherrschbare Erkrankungen besser zu verstehen und zu behandeln.

Im ausführlichen Praxisteil werden konkrete Anleitungen zur Anamneseerhebung und optimalen Gesprächsführung gegeben. Damit kann der Zahnarzt dem Patienten die psychische Genese seiner Beschwerden vermitteln, ohne dass dieser sich missverstanden fühlt.

Das Werk ist ein wichtiger Begleiter für alle Studenten und Zahnmediziner, die zunehmend auch mit den psychosomatischen Aspekten ihres Fachgebietes konfrontiert werden.“

Schwer zu lesen aber

Ich möchte mich nicht darin ergehen und darauf beschränken die einzelnen Autoren und Kapitel aufzuzählen. Nur so viel: Das Buch war für mich schwer zu lesen. Das aber nicht deswegen, weil es schlecht geschrieben wäre, im Gegenteil. Aber die Materie! Für den Zahnarzt, der sich täglich (zumeist) mit etwas ganz anderem, mit der „Praxis“ abgibt ist die Welt der Psychotherapeuten und Psychiater nur schwer zu bewältigen. Um aber in der heutigen Zeit ein Zahn“arzt“ sein zu können, um die Patienten in ihrer Gesamtheit als Menschen richtig verstehen-und behandeln zu können, ist diesen Buch ein Muss. Unbedingt sollte es Gegenstand der zahnärztlichen Ausbildung werden. Ja, ich versteige mich sogar zu der Behauptung, dass zukünftige Zahnmediziner es vor dem Studium lesen sollten um zu wissen was auf sie zukommt. Ich möchte mich zum Ende der Besprechung auch nicht in Kleinigkeiten ergehen, der Leser wird selbst sehen wie er z. B. die Aufforderung auf Seite 49 werten soll bei einer entsprechenden Untersuchung (in der Zahnarztpraxis!) einen Amtsarzt einzuschalten, damit der zur Abwendung eines drohenden Suizids die Einweisung in eine psychiatrische Klinik veranlasst. Aber wenn ich z. B. an abnorme Behandlungsbegehren- irreale Vorstellungen zur Krankheit denke (es darf nicht versucht werden dem Patienten seine Vorstellung als falsch auszureden) komme ich immer wieder darauf zurück, dass das Buch seinen Platz an erster Stelle im Bücherschrank des Zahnarztes (und Studenten) finden sollte.

© Dr. med. dent. Hans H. Sellmann

1 / 2010 Psychosomatische Medizin und Psychologie für Zahnmediziner CompactLehrbuch für Studium und Praxis 2010. 270 Seiten, 26 Abb., 40 Tab., geb. Anne Wolowski / Hans-Joachim Demmel (Hrsg.) (Neuerscheinung vom 09. Oktober 2009) ISBN: 978-3-7945-2629-1 (Print) 78-3-7945-6529-0 (eBook)

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