16. Februar 2010 in Kategorie: Sonstiges

„Gebt dem Patienten in Zwei ´mal was zum Lesen!“ Wie oft habe ich meine Damen gebeten im Behandlungsstuhl wartende Patienten zu „entertainen“. Von der eigentlichen Bedeutung des Wortes her (Patient von latein: patiens ‚aushaltend‘, ‚fähig zu ertragen‘) ist er zwar eigentlich schon dazu prädestiniert sich „in sein Schicksal zu fügen“.

Dr. med. dent. Hans H. Sellmann

Aber das tut er nicht immer. Zeit hat heute keiner mehr und warten wollen unsere Patienten ebenfalls nicht. Wenn es aber einmal unvermeidbar ist, dann sollten wir diese Zeit sinnvoll überbrücken. Manch ein Patient bringt von vornherein (er ist lange Wartezeiten in anderen Praxen gewohnt) bereits ein dickes Buch mit. Unsere Wartezimmerzeitschriften sind ja als glaskunstBakterienschleudern verschrien, sowieso veraltet oder uninteressant (welchen Patienten interessiert denn schon die Jagd und Hund oder die Golfzeitschrift) verschrien. Und ehe der oder die Wartende auf die Idee à la Mr. Bean beim Zahnarzt kommt, sich selbst zu therapieren, oder in seiner dort herumliegenden Karteikarte zu blättern (nie unbeaufsichtigt im Zimmer liegen lassen!!!), sollten wir den suchenden Blick doch gezielt woanders hinlenken. Auf ein Bild etwa?

Brauchen wir überhaupt Kunst in der Praxis?
Warum ist die Auflockerung einer bestimmten Atmosphäre, etwa in einer Praxis, zum Beispiel durch ein Bild, so wichtig? Braucht der Mensch das denn überhaupt? Und was bewirkt ein solches Bild eigentlich? Ich glaube, dass kaum ein Mensch ohne Kunst, ohne Bilder, Musik und Accessoires überhaupt auskommen kann. Muße braucht das Auge, speziell in anstrengenden Situationen. Hören und auch Sehen sind für die, die im Behandlungsstuhl warten müssen, und sei es auch nur ein für paar Minuten, sehr wichtig. Für ´s Hören gibt es die Entspannungsmusik von der CD. Manchmal, bei Problempatienten, schicke ich auch schon mal eine meiner Damen in das Behandlungszimmer mit der Aufgabe „etwas Kommunikation zu betreiben“ damit die Patienten abgelenkt werden. Das war die Sparte Akustik.

Für´s Auge
Für ´s Sehen gibt es in unseren Behandlungszimmern auch etwas. Genau im Blickfeld der Patienten nämlich findet sich die OP Leuchte. Der Staub hinter dem Deckglas ist gut sichtbar Und weiterhin entdeckt das suchende Auge den Schwebetisch mit uns zwar vertrauten, für den Patienten aber furchterregenden Instrumenten. Und noch etwas entdeckt das suchende Auge. Jeden Kratzer, jede kleinste Verschmutzung. Geht´s auch anders? Eine meiner Patientinnen musste im Urlaub einen Kollegen aufsuchen, eine provisorisch eingesetzte Krone hatte sich gelöst. Wunderschön sei es da gewesen. Ein großes Panoramafenster hätte einen herrlichen Ausblick über den Bodensee geboten, einfach traumhaft. Nun hat nicht jeder einen Bodensee vor der Praxis. Deswegen wird die Auswahl der „Eyecatcher“ auch im Allgemeinen etwas schwieriger. Und überhaupt: Fragen Sie mal einen Psychologen danach, was sich für die suchenden Augen eines ängstlichen Patienten eignet!

Glas
Jemand der sich mit diesem Thema auskennt, ist der niedersächsische Künstler Dieter Schafranek. Seine Glaskunstwerke,
Bilder und Objekte sind aus dem tiefen Bestreben entstanden, dem Betrachter die Tür zu seinen eigenen seelischen Räumen zu öffnen, wie es auf seiner Homepage heisst. www.glaskunst-schafranek.de

Der Künstler, der lange Zeit mit seiner Familie in Ägypten gelebt- und gearbeitet hat, sieht seine Werke, die das Thema der Mensch- Werdung, Ganzheit und die Vereinigung der Gegensätze behandeln, entstehen aus dem Ringen um die Wirklichkeit der Seele. Die in aufwändiger Feinarbeit erstellten, zinnverglasten und teilweise mit Blei eingefassten Bilder, entstehen unter Verwendung von Gläsern aus Japan, den USA und Deutschland. Wer sich einmal solche Gläser auch nur im Urzustand
angesehen, sie gegen eine Leuchtquelle gehalten hat, dem erschließen sich wahre Wunderwelten.

Quälen
Schafranek sagt über seine Bilder: „Meine Bilder sind Sprache, eine Sprache, die versucht von einer Wirklichkeit zu sprechen, welche hinter den Dingen sich verbirgt. Es sind Bebilderungen von Erfahrungen und Gesetzmäßigkeiten menschlichen Lebens, Symbole, in denen etwas durchscheint, Sichtbares, das auf ein Unsichtbares hinweist. Für die Darstellung dieser Transparenz eignet sich kein anderes Material besser als Glas. Diese aus überwiegend Sand in der Hitze gewandelte durchscheinende Materie vermag mit ihren leuchtenden, lichtdurchfluteten Farben unmittelbar zu berühren. Verlorengegangene Erfahrungen der Tiefe, alte oder unbekannte Räume der Seele werden belebt. Im lebendigen Wechselspiel des Lichts laden diese Bilder zum Verweilen und zur Besinnung ein. So haben viele meiner Bilder ihren
Platz gefunden in Räumen, die der Ruhe, der Meditation, der Stille oder der besonderen Atmosphäre dienen, Räume, in denen Menschen zu sich kommen möchten. In ein Fenster oder in einen Ständer gehängt, von natürlichem Licht durchflutet oder elektrisch beleuchtet, immer bilden diese Glasbilder ein Kraftfeld, das in hohem Maße einen Raum bereichert.“
Schafranek ist ein wirklicher Künstler er tut sich häufig schwer mit dem Schaffen seiner Bilder. Auf „Halde“ arbeiten kann er nicht, ich habe es oft erlebt, wie ein solcher künstlerischer Prozess verläuft. Lange dauert es auch immer, bis genügend Objekte für eine Ausstellung zusammen sind. Ich habe das Glück zwei seiner Werke besitzen zu dürfen. Jeden Tag freue ich
mich auf ´s Neue über das warme Farbenspiel der Gläser. Nicht nur als „Fensterbilder“ eignen sich die Glaskunstwerke. Mit einer kleinen Punktbeleuchtung können sie auch frei im (Behandlungs- oder Warte) Raum als Objekte stehen und so die Aufmerksamkeit (und Ablenkung) unserer Patienten bewirken – weg von den bereits erwähnten furchterregenden Instrumenten auf dem Schwebetisch.

Mandala
Schafranek gestaltet einige seiner Werke als Mandalas. Ein Mandala (sanskr. =Kreis) ist ein Ursymbol der menschlichen Seele. Seit uralten Zeiten sind zahlreiche Bilder, Gebäude, Plätze, Gärten, Parkanlagen an allen Orten der Erde nach auffallend ähnlichen „Mustern“ gestaltet worden: quadratisch oder kreisförmig mit einem hervorgehobenen Zentrum, auf das alles bezogen ist. So stand oft der Tempel oder die Kirche im Mittelpunkt einer Stadt, der Brunnen mit seinem lebensspendenden Wasser im Zentrum eines Platzes, die Fontäne oder der alte Baum in der Mitte eines Parks, wie auch Bilder oder Symbole der Trinität im Mittelpunkt der Rosetten gotischer Kathedralen. Sich einem Mandala auszusetzen bedeutet immer, diese
Kraft der „Mitte in uns“ zu beleben und hervorzurufen. Die Glasbilder sind eine wahre und sprichwörtliche Augenweide. Und Ihre Patienten werden genau dies erleben wenn Sie die(sterile) Atmosphäre Ihrer Behandlungszimmer mal nicht mit dem Bild des „Jungen Wilden“ sondern mit einem Seelenstreichler verändern.

Die Werkstatt
Wenn Sie über Kunst in der Praxis nachdenken, lohnt sich sicher der Gedanke an ein solches Glasbild. Die Bilder werden aus hochwertigem farbigem Flachglas hergestellt. Das Glas stammt aus unterschiedlichen Glashütten aus den USA und aus Deutschland. Die verwendeten Steinscheiben sind aus Achat geschnitten. Bei der Herstellung eines Bildes wird jedes Teil eines Entwurfes einzeln auf die dafür ausgewählte Glasscheibe übertragen, herausgebrochen oder bei komplizierten Formen herausgesägt. Anschließend wird jedes Glasstück in die genaue benötigte Form geschliffen und mit Kupferfolie umklebt. Diese Technik ist aufwändiger als die traditionelle Bleiverglasung, ermöglicht jedoch wesentlich feinere Stege und damit auch den Einbau von kleinsten Glasscheiben. Im Atelier werden Bilder nach eigenen Entwürfen hergestellt. Auftragsarbeiten für Fenster oder Türen entstehen in Absprache mit den Auftragsgebern. Ich empfehle Ihnen einmal das Atelier des Künstlers (nach Rücksprache) in Dorfmark in der Lüneburger Heide zu besuchen.

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