26. Januar 2010 in Kategorie: Sonstiges
Was im Volksmund leichthin als Herzkasper bezeichnet wird, hat einen nicht selten lebensbedrohlichen Hintergrund. Oft führen die Herzbeschwerden zu Kammerflimmern oder pulsloser Kammertachykardie und enden mit dem plötzlichen Herztod. Ein Schicksal, das jährlich etwa 150.000 Menschen ereilt. Viele Opfer könnten durch den Einsatz von automatisierten externen Defibrillatoren (AED) gerettet werden.
Autor: Robert Hoffmann
Es ist Freitagnachmittag. Christian K.* wartet im Münchner U-Bahnhof Marienplatz auf die U 3 Richtung Olympiazentrum. Der Abteilungsleiter eines großen Unternehmens ist heute ausnahmsweise schon auf dem Weg nach Hause. Den ganzen Tag fühlte er sich schlecht, mittags überkam ihn leichte Übelkeit und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Noch bevor Christian K. in die Bahn einteigen kann, wird ihm schwindelig und er sinkt zu Boden. Eine beherzte Münchnerin ergreift sofort die Initiative und kümmert sich um ihn. Zwei weitere Fahrgäste steigen wieder aus, um ebenfalls zu helfen. Zu dritt tragen sie Christian K. in eine ruhigere Ecke, wo der 51-jährige das Bewusstsein verliert. Auf Ansprache reagiert er nicht mehr, die Atmung hat ausgesetzt und der Puls ist nicht mehr spürbar. Eine der helfenden Personen beginnt mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung, während die Helferin in unmittelbarer Nähe den Notruf der U-Bahnleitstelle betätigt. Dort werden sofort der Notarzt und die U-Bahnwache alarmiert. Glücklicherweise ist der U-Bahnhof Marienplatz mit einem sogenannten automatisierten externen Defibrillator (AED) ausgestattet, der in einem Kästchen unterhalb des Notrufs angebracht ist. Der Leitstellenmitarbeiter gibt der Frau kurze Anweisungen und entriegelt per Fernsteuerung das Gehäuse des Defibrillators. Die Helferin entnimmt das Gerät und rennt damit zu Christian K. Die beiden anderen Helfer sind immer noch dabei, den Bewusstlosen durch Beatmung und Herzdruckmassage zu reanimieren. Die Helferin öffnet den vollautomatischen Defibrillator und klebt die Elektroden, wie durch laute und deutliche Sprachanweisung des Geräts erklärt wird, auf die Haut des Brustkorbs des Bewusstlosen.
Reanimation durch Anweisung
Weitere Sprachanweisungen des AED unterstützen die Helfer bei der gesamten Wiederbelebungsmaßnahme. Das Gerät analysiert nun den Herzrhythmus von Christian K. und stellt Kammerflimmern fest. Das rot blinkende Signal einer Taste gibt den Helfern einen Hinweis zum Auslösen des Elektroschocks. Die Funktionsweise des AED-Geräts verhindert dabei eine fälschliche Schockabgabe, da die Taste nur rot blinkt, wenn ein Kammerflimmern vorliegt. Durch den Stromstoß beginnt bereits beim ersten Mal das Herz von Christian K. wieder normal zu schlagen und seine Atmung setzt wieder ein. Inzwischen ist auch der Notarzt eingetroffen, der die weitere Versorgung des Patienten übernimmt. Christian K. ist noch bewusstlos aber in einem transportfähigen Zustand. Er wird in eine nahegelegene Klinik gebracht, wo später ein Gefäßverschluss diagnostiziert wird. Dass Christian K. heute keine irreversiblen Hirnschäden davongetragen hat bzw. noch am Leben ist, hat er seinen Helfern durch eine frühzeitige HerzLungen-Wiederbelebung zu verdanken. Aber auch der Tatsache, dass die UBahn-Station mit einem AED ausgestattet war. Denn die einzige Möglichkeit bestehendes Kammerflimmern zu behandeln, sind kurze starke Stromstöße eines Defibrillators. Nur so können die Herzmuskelzellen erregt und damit der Sinusknoten wieder die lebensnotwendigen Impulse geben. Die frühzeitige Defibrillation hat Christians K. Überlebenschancen somit deutlich erhöht. Jede Minute ohne Defibrillation hätte die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Wiederbelebung um etwa zehn Prozent verringert.
Durch das Gemeinschaftsprojekt unter anderem der Münchner Verkehrsgemeinschaft MVG, des Vereins „München gegen den plötzlichen Herztod e.V.“, Münchner Kardiologen und des Münchner Stadtrats, war München die erste Stadt weltweit, die damit begann, ihre U-Bahnhöfe mit Defibrillatoren auszustatten. Inzwischen stehen 46 Geräte in 38 U-Bahnhöfen der bayerischen Landeshauptstadt im Notfall zu Verfügung. „Zehn Menschenleben mit lebensbedrohlichem Herzstillstand konnten dadurch bisher nachweislich gerettet werden“, erklärt Wolfgang Grolms, Projektleiter bei der MVG. In Zahnarztpraxen selten
Was in vielen Münchner U-Bahnhöfen und an weiteren häufig frequentierten Standorten wie Firmen, Einkaufszentren, Flughäfen, Vereinen oder Behörden bereits zum Sicherheitsstandard gehört, ist in vielen Zahnarztpraxen die Ausnahme. Bei der Überlegung ob ein AED bereitgehalten werden sollte oder nicht, fällt beim Kosten-Risiko-Vergleich das Ergebnis meist zu Ungunsten einer Anschaffung aus. Würde nun bei einem Patienten in der Praxis ein Kreislaufstillstand mit Kammerflimmern auftreten, so wäre mangels Verfügbarkeit eines Defibrillators eine bestmögliche Akutversorgung nicht möglich. Ein Notarzt kann im Ernstfall oft nicht viel schneller als in fünf Minuten am Einsatzort sein. Die Hälfte der so entscheidenden rettenden zehn Minuten für den Betroffenen wären bereits verstrichen. Mit jeder weiteren Minute, die ohne Hilfe vergeht, sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Nach zehn Minuten wartet der sichere Tod.
Die Angst einen Fehler bei der Anwendung eines Defibrillators zu machen und den möglichen rechtlichen Konsequenzen sind nicht selten ein Grund, sich erst gar keine solches Gerät anzuschaffen. Die gesetzliche Pflicht zur Bereithaltung eines Defibrillators in einer Zahnarztpraxis gibt es ohnehin nicht. Der einzige Fehler wäre jedoch, lebensrettende Maßnahmen zu unterlassen und auch die technischen Möglichkeiten nicht zu nutzen, die es inzwischen gibt, um die Überlebensrate bei Menschen mit Kammerflimmern signifikant zu erhöhen. Nicht nur an öffentlichen Plätzen, sondern auch in Zahnarztpraxen. Selbst wenn rein statistisch gesehen nur selten ein Patient einen Kreislaufstillstand mit Kammerflimmern in einer Zahnpraxis bekommt, so wäre jedes einzige Menschenleben, das durch einen AED gerettet wird, die Investition wert.
Dem Einwand, dass zu viele Fehler bei der Anwendung eines Defibrillators durch Ungeschulte gemacht werden könnten, begegnete die Industrie dadurch, dass die Geräte selbst für Laien gut zu handhaben sind. Das amerikanische Unternehmen Cardiac Sciene zum Beispiel produziert ein Gerät namens Powerheart AED G3 Plus Automatic. Es soll auch ungeschulten Beteiligten eines Unglücksfalls im Chaos die Möglichkeit verschaffen, durch einfache Handgriffe lebensrettende Maßnahmen mit einem Defibrillator einzuleiten. Das Gerät ist mit gesprochenen Anweisungen ausgestattet. Ein sogenannter Rescue Coach führt den Anwender durch die Maßnahme. Sobald die Elektroden angelegt sind, prüft der G3 Plus Automatic die Herztöne. Dabei ermittelt er zuverlässig, ob ein Elektroschock erforderlich ist oder nicht. Ein Schock erfolgt dann automatisch. Danach weist das Gerät den Ersthelfer an, wie er – falls erforderlich – die Herzmassage durchzuführen hat. Um eine kontinuierliche Einsatzbereit des Geräts zu gewährleisten, werden täglich die relevanten Komponenten wie Batterien, Software, Hardware sowie Elektroden automatisch überprüft. Einmal pro Woche wird die Hochspannungs-Elektronik teilweise aufgeladen. Monatlich lädt der AED die interne Elektronik selbsttätig vollständig auf. Falls irgendein Defekt festgestellt wird, schaltet die Rescue-Ready-Leuchte am Griff von Grün auf Rot, und das Gerät gibt eine akustische Warnmeldung ab. Der Powerheart AED ist also ständig rettungsbereit, wenn ein Menschenleben davon abhängt.
Investition hilft Leben retten
Selbst wenn die Zahnärztin oder der Zahnarzt in ihrer bzw. seiner Praxis nicht anwesend oder gar selbst Betroffene eines Herzstillstandes mit Kammerflimmern wären, könnten ihre Mitarbeiter oder auch ein Patient das Gerät bedienen.
Bedenkt man, dass weit über 80 Prozent aller plötzlichen Herztode mit Kammerflimmern beginnen, wird die Relevanz eines Defribillators deutlich. Zwar ist der AED nur eine Ergänzung in der Kette lebensrettender Maßnahmen, aber bei Kammerflimmern und pulsloser Kammertachykardie gibt es keine Alternative ohne Defibrillator. Bei einer frühen HerzLungen-Wiederbelebung und Defibrillation durch den Rettungsdienst, hat der Patient statistisch eine Überlebenschance von etwa acht bis zehn Prozent. Diese erhöht sich durch den frühen Einsatz eines automatisierten, externen Defibrillators durch Laienhelfer auf bis zu 50 Prozent. Jede Minute ohne wirksame Reanimation reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit um sieben bis zehn Prozent. Deshalb ist ein automatisierter externer Defibrillator (AED) eine Investition die hilft Leben zu retten.
* Name von der Redaktion geändert.
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