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Zahnärzte können von Profisportlern lernen

Morgen werden die Olympischen Spiele in Rio eröffnet. Der folgende Artikel gibt einen Einblick in Motivationstechniken, mit denen Trainer die maximale Leistung ihrer Sportler auf den Punkt abrufen und sie zu einer funktionierenden Mannschaft formen. Interessante Punkte, die auch in die Zahnarztpraxis implementiert werden können.

Autor: Katrin Meiß und Rechtsanwalt Rüdiger Gedigk, Co-Autorin Tanja Pantel

1 weitere Abbildunge(n):

Die Situation eines Zahnarztes gleicht in gewisser Weise derjenigen eines Trainers einer olympischen Nationalmannschaft. Er kann auf ein Kollektiv von individuell top vorbereiteten Athleten sowie gut ausgebildeten Betreuern zurückgreifen. Jeder bringt unterschiedliche Fähigkeiten sowie Talente mit. Das Ziel des Trainers ist es, aus diesen einzelnen Personen ein Team zu formen, das gemeinschaftlich das Ziel verfolgt, Olympiasieger zu werden. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, muss sich jedes Mitglied mit seinen Fähigkeiten optimal in das Team einbringen.

Übertragen auf die Situation in einer Zahnarztpraxis bedeutet dies, dass jede Mitarbeiterin entscheidend zum Erfolg einer Praxis und damit zur Reputation des Zahnarztes beiträgt. Neben den fachlichen Qualifikationen des Zahnarztes spielt die Praxisatmosphäre eine wichtige Rolle, ob sich ein Patient wohlfühlt und die Praxis weiterempfiehlt. Strukturen und Prozesse innerhalb der Praxis tragen ebenfalls maßgeblich zum Erfolg des Zahnarztes bei. Kann sich der Zahnarzt vollständig auf seine Tätigkeit konzentrieren oder muss er sich zwischendurch noch um organisatorische Dinge und Abläufe kümmern? Halten die Mitarbeiterinnen dem Zahnarzt innerhalb ihrer Möglichkeiten den Rücken frei?

Mit Teamarbeit zum Erfolg

Ähnlich sieht es in unserer Fußballnationalmannschaft aus. Selbst der beste Stürmer der Welt wird kein Tor schießen, wenn er keine sehr gut arbeitende Hintermannschaft hat, die ihm durch Pässe den Weg zum Tor bereitet. Mario Götze als Finaltorschütze der WM 2014 wird immer in den Geschichtsbüchern stehen, aber auch er hätte dieses Tor nicht ohne die anderen Spieler schießen können.

In der Zahnarztpraxis steht der Zahnarzt selbstverständlich im Vordergrund, sozusagen in der Rolle des Stürmers. Die entscheidende Frage ist, wie der Stürmer beziehungsweise der Zahnarzt seine Hintermannschaft beziehungsweise die Mitarbeiterinnen so motiviert, dass sie ebenfalls alles tun, um den Erfolg sicherzustellen und dieselben Ziele zu verfolgen.

Der Zahnarzt muss darüber hinaus eine Dreierrolle erfüllen; er ist sozusagen Sportler/Spieler, Trainer und Manager. Er fungiert sowohl als Teil des Teams als auch als Trainer und als Teammanager, der die Verantwortung für die Praxis trägt und die Teammitglieder führen muss. Somit muss der Zahnarzt eine Dreierrolle erfüllen (siehe Abbildung 1).

Der Zahnarzt als Sportler in seinem Praxisteam

Der Anteil der individuellen Leistung einer einzelnen Mitarbeiterin am Gesamterfolg ist in kleinen Betrieben prozentual höher als in großen. Hier kommt es stärker darauf an, dass jede Mitarbeiterin zu jedem Zeitpunkt ihre optimale Leistung erbringt. Der Einfluss einer wenig motivierten Mitarbeiterin, die nur „Dienst nach Vorschrift" macht, kann in einer Zahnarztpraxis stark zum Tragen kommen. Dies kann Mehrarbeit für den Zahnarzt und die anderen Teammitglieder bedeuten, was langfristig zur Unzufriedenheit im gesamten Team führt.

„Der erste Eindruck zählt", das gilt auch in Zahnarztpraxen. Den ersten Kontakt hat ein Patient nach dem Betreten einer Zahnarztpraxis meist zu einer Mitarbeiterin und nicht zum Zahnarzt selbst. Motivierte, freundliche Mitarbeiterinnen haben also einen entscheidenden Anteil an dem Image der Praxis.

Wie im Sport durch die Presse besteht in einer Zahnarztpraxis aufgrund der ständigen Anwesenheit von Patienten die Gefahr, dass ein angespanntes Praxisklima auf die Patienten überschwappt. Darüber hinaus können Schwierigkeiten in der Abstimmung zwischen den Teammitgliedern oder unklar verteilte Aufgaben dem verantwortlichen Zahnarzt die Arbeit erschweren. Da der Behandler von der engagierten und erfolgreichen Arbeit seiner Mitarbeiterinnen zu einem gewissen Grad abhängt, sollte er in seiner Rolle als Trainer einen besonderen Wert auf die Motivierung des Teams legen.

Der Zahnarzt als Trainer

Zentral für den Erfolg der Praxis ist die Motivation jedes einzelnen Teammitgliedes. In der Aufgabenbeschreibung eines Bundestrainers sind selbstverständlich die Motivierung der Spieler und die Bildung eines funktionierenden Teams zu finden. Es ist ebenfalls eine der wichtigsten Führungsaufgaben und -qualitäten eines Zahnarztes, seine Mitarbeiterinnen zu motivieren und ein geschlossenes Praxisteam zu bilden.

Die Motivation fragt nach den Ursachen und Zielen menschlichen Handelns. Es geht also darum zu beschreiben, warum oder wozu Menschen ein bestimmtes Verhalten zeigen. In der Arbeits- und Organisationspsychologie wird Motivation definiert als „das Produkt aus individuellen Merkmalen von Menschen, ihren Motiven, und den Merkmalen einer aktuell wirksamen Situation, in der Anreize auf die Motive einwirken und sie aktivieren" (Nerdinger, Blickle & Schaper, 2011, S. 394).

Mitarbeitermotivation kann nun verstanden werden als das Produkt der individuellen Persönlichkeit der Mitarbeiterin, ihren Motiven und den situativen Merkmalen der Praxissituation. Eine motivierte Mitarbeiterin wird im Vergleich zu einer weniger motivierten ihre Arbeit intensiver und mit einer größeren Ausdauer verrichten. Weitere Eigenschaften motivierter Kolleginnen sind eine höhere Einsatzbereitschaft sowie eine selbstständige und vorausschauende Arbeitsweise. Zusätzlich sind sie durch ihren Einsatz positive Repräsentantinnen der Zahnarztpraxis. Gelingt es dem Zahnarzt diese Eigenschaften bei seinen Teammitgliedern zu aktivieren, kann er sich verstärkt seiner Aufgabe als Zahnarzt widmen.

Anreize schaffen

Motive einer Mitarbeiterin in einer Zahnarztpraxis können sozialer oder finanzieller Natur sein. Wenn zum Beispiel eine Mitarbeiterin den Beruf der Zahnmedizinischen Prophylaxeassistentin gewählt hat, da sie vor allem gerne Kindern eine angemessene Zahnpflege vermitteln möchte, würden ihre Motive nicht dadurch gefördert, dass sie nur Erwachsene behandelt. Die vorhandenen Motive beziehungsweise Ziele der Einzelnen lassen sich kaum von außen verändern, aber sie lassen sich durch geeignete Gestaltung der Situation und richtige Führung aktivieren.

Die gute Nachricht ist, dass der Zahnarzt einen großen Anteil der Motivation der Mitarbeiterinnen beeinflussen kann. Es müssen Anreize geschaffen werden, die individuell zu den Motiven der Mitarbeiterinnen passen. Die Motivierung bedarf also einer individuellen Herangehensweise je Mitarbeiterin, da jede Einzelne eigene persönliche Ziele verfolgt. Regelmäßige Mitarbeitergespräche können einem offenen Austausch über die Ziele und Motive der Kolleginnen dienen.

Ebenfalls zu berücksichtigen sind die Fähigkeiten der Mitarbeiterin. Es wird schwierig, eine hohe Motivation bei einer Mitarbeiterin zu erzielen, wenn ihre Fähigkeiten nicht den Anforderungen der Tätigkeit entsprechen. Sowohl eine Unter- wie auch eine Überforderung kann zu einer geringeren Leistung führen. Eine durchdachte Aufgabenauswahl, die den Kompetenzen der Mitarbeiterinnen entspricht, ist deshalb erforderlich. Der Trainer bestimmt die Aufstellung in Abhängigkeit von den Stärken der Spieler. Auch der Zahnarzt sollte sich ein detailliertes Bild über die Fähigkeiten jedes Teammitgliedes machen und die Aufgaben gezielt nach deren Stärken verteilen.

Der Zahnarzt als Teammanager

In der Motivationsforschung unterscheidet man zwischen der extrinsischen und die intrinsischen Motivation. Eine intrinsisch motivierte Tätigkeit wird wegen des Vollzuges der Tätigkeit selbst ausgeführt und nicht wie eine extrinsisch motivierte Tätigkeit aufgrund erwarteter späterer Folgen (Heckhausen & Heckhausen, 2006). Eine Person kann zu ihrer Arbeit gehen, weil sie dafür bezahlt wird (extrinsisch motiviert) oder weil ihr die Arbeit mit den Patienten Spaß macht (intrinsisch motiviert).

Intrinsisch motivierte Mitarbeiterinnen setzen sich mit neu auftretenden Problemen intensiver auseinander. Sie erkennen in der Regel schneller, wenn das bisherige Praxismanagement verändert werden muss und generieren selbstständig Ideen zur Lösung des Problems. Die Identifikation der Mitarbeiterinnen mit der Praxis herzustellen, ist eine Möglichkeit, um die Motivation zu vergrößern.

Kritisch wird es, wenn die Mitarbeiterinnen sich nicht mit ihrem Arbeitgeber identifizieren und daher nur „Dienst nach Vorschrift" machen. Mitarbeiterinnen, die in einem Team von überschaubarer Größe mitverantwortlich tätig sein können, werden sich stärker mit ihrer Arbeit identifizieren und mehr als nur das Nötigste zum Erfolg der Zahnarztpraxis beitragen.

Während die Athleten und auch die Betreuer bei den Olympischen Spielen durch den Gewinn von Medaillen jeweils eine vorher festgelegte Prämie ausgezahlt bekommen, stellt sich in der Zahnarztpraxis die Frage, ob das gesamte Team am Erfolg partizipieren kann. Neben den finanziellen Anreizen gibt es eine Reihe weiterer möglicher und für viele Mitarbeiterinnen attraktivere Ansatzpunkte der Motivierung.

Aspekte wie das Führungsverhalten des Zahnarztes, Anerkennung und Wertschätzung sowie Teamgeist spielen eine wichtigere Rolle für die Motivation. Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Arbeit ihren eigenen Interessen und Wünschen entspricht und dass sie diese als sinnvoll empfinden. Hier zeigt sich, wie essentiell ein gutes Arbeitsklima innerhalb der Praxis ist, um die optimale Motivation der Mitarbeiterinnen zu erzielen.

In Teamentwicklungsmaßnahmen kann mit einem Experten zusammen überlegt werden, welche Möglichkeiten innerhalb einer Praxis umgesetzt werden können. Mögliche Fragestellungen können hier sein: Ist der Umgang untereinander wertschätzend? Wie laufen wöchentliche Teammeetings ab? Wie kann ich meine Mitarbeiterinnen mehr in die Verantwortung der Praxis mit einbeziehen? Was sorgt für eine gute Stimmung in schwierigen stressigen Situationen? Experten können aus einer neutralen Perspektive die Abläufe innerhalb der Praxis analysieren und gemeinsam mit dem Zahnarzt Verbesserungen erarbeiten.

Lesen Sie im zweiten Teil nächste Woche mehr zu diesem Thema. Dann gehen die Autoren unter anderem auf Motivationsstrategien und die finanzielle Unterstützung zur Förderung unternehmerischen Know-hows ein.

Literatur

  • Heckhausen, J. & Heckhausen, H. (2006). Motivation und Handeln (3. Aufl.). Heidelberg: Springer.
  • Nerdinger, F.W. (2011). Arbeitsmotivation und Arbeitszufriedenheit. In F. W. Nerdinger, G. Blickle & N. Schaper (Hrsg.), Arbeits- und Organisationspsychologie (S. 393-408). Heidelberg, Berlin, New York: Springer.

 

Zu den Autoren

Katrin Meiß
Sportpsychologische Expertin und Systemischer Coach
www.balance-me.de

Tanja Pantel
B. Sc. Psychologie

Rüdiger Gedigk
Rechtsanwalt
www.kanzlei-gedigk.de

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