30. Juni 2011 in Kategorie: Aktuell

Kürzlich veranstaltete die Stiftung Interdisziplinäre Diagnostik-Initiative für Parodontitisfrüherkennung (IDI-PARO) ihre zweite interdisziplinäre Diskussionsrunde im Rahmen der Berliner Stiftungswoche mit dem Titel „Prävention durch Kooperation im Gesundheitswesen - Parodontitis und assoziierte Allgemeinerkrankungen interdisziplinär bekämpfen“.

(v.l.) Prof. Dr. Andreas Pfeiffer, Dr. Dietmar Oesterreich, Dr. Jacqueline Detert, Jan-Philipp Schmidt, Dr. med. Markus Vogt, Prof. Dr. Anton Friedmann (v.l.) Prof. Dr. Andreas Pfeiffer, Dr. Dietmar Oesterreich, Dr. Jacqueline Detert, Jan-Philipp Schmidt, Dr. med. Markus Vogt, Prof. Dr. Anton Friedmann

Der IDI-PARO gelang es, hochkarätige Mediziner der Charité und Zahnmediziner in Berlin an einen Tisch zu bringen und so einen weiteren Grundstein für eine Verbesserung der interdisziplinären Kooperation im Kampf gegen Parodontitis zu legen.

Prof. Dr. Andreas Pfeiffer, Direktor der Charité-Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin, unterstrich in seinem wissenschaftlich anspruchsvollen Vortrag den wechselseitigen Kausalzusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes. Auf Grundlage zahlreicher von ihm zitierter wissenschaftlicher Studien resümierte Prof. Pfeiffer, dass sich einerseits Diabetes mellitus negativ auf die parodontale Gesundheit auswirke und Parodontitis verstärken könne und andererseits Parodontitis das Diabetesrisiko verstärke. Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen Entzündungsvorgängen und einer Insulinresistenz. Eine Parodontitis-Therapie könne die Stoffwechselkontrolle bei Typ 2 Diabetes deutlich verbessern.

Auch Dr. Dietmar Oesterreich,Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, referierte über den Zusammenhang zwischen Diabetes und Parodontitis, die sich u.a. in einer erhöhten Zahnverlustrate bei Diabetikern manifestiere. Darüber hinaus unterstrich er die Zusammenhänge anderer medizinischer und zahnmedizinischer Erkrankungen und betonte, dass Mundgesundheit weit mehr voraussetze als gesunde Zähne. Vielmehr sei Zahnmedizin „elementarer Bestandteil der medizinischen Grundversorgung“. Diese Tatsache sollte sich gemäß Dr. Oesterreich in der Ausbildung, der Forschung, einer Interdisziplinarität im Versorgungsalltag, in den gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen sowie in der Prävention widerspiegeln.

Ebenso folgte Dr. Jacqueline Detert, Leiterin der Abteilung für IIT-Studien und Früharthritis an der Klinik der Charité-Universitätsmedizin Berlin für Rheumatologie und klinische Immunologie, der Einladung der IDI-PARO. Die Rheumatologin ist seit langem davon überzeugt, dass Rheuma-Patienten unbedingt intensiv zahnmedizinisch betreut werden sollten. Frau Dr. Detert sagte, dass es erwiesen sei, dass Rheuma ein Erhöhung des Parodontitisrisikos bedeute. Im Jahre 2009 ist Frau Dr. Detert schon einmal in Sachen Parodontitisfrüherkennung aktiv geworden. Damals versuchte sie, Zahnärzte als Kooperationspartner zu gewinnen, um die Zusammenhänge von rheumatoider Arthritis und Parodontitis besser zu erforschen und so eine effektivere Behandlung beider Erkrankungen zu erreichen.

Genauso wie die Parodontitis sei auch Rheuma eine nicht zu unterschätzende Volkskrankheit, die allein in Deutschland 20 Millionen Menschen betreffe und krankheitsspezifische Kosten in Höhe von 28,5 Milliarden verursache. Parodontale Infektionen belasteten den Körper der Patienten zusätzlich direkt durch Bakterien sowie indirekt durch freigesetzte Entzündungsmediatoren. Menschen, die an rheumatoider Arthritis leiden, wiesen „mehr Zahnverlust und parodontalen Knochenabbau auf“. Zudem gebe es einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Krankheiten wie Gewebedestruktion durch eine gestörte Immunantwort.

Am Ende ihres Vortrages unterstrich Dr. Detert noch einmal die Wichtigkeit der Kooperation der Mediziner und Zahnmediziner im Kampf gegen Parodontitis nicht nur bei rheumatoiden Erkrankungen. Sie warf auch die Frage auf, welche diagnostischen Früh- und Verlaufsmarker für die Parodontitisfrüherkennung geeignet seien. Dies ist besonders für Mediziner relevant, die mit Hilfe geeigneter Marker Patienten selbst in ihrer Praxis einem ersten Test unterziehen können.

Auf diese Frage antwortete Prof. Dr. Anton Friedmann, Abteilungsleiter der Parodontologie an der Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für Parodontologie an der Universität Witten/Herdecke. Er unterstrich die Tatsache, dass in der Parodontologie-Forschung Fortschritte bei der Suche nach geeigneten Markern für die Früherkennung zu verzeichnen seien.

Seiner Meinung nach sei Calprotectin neben den aMMP-8 Bio-Marker-Testverfahren ein geeigneter Indikator für die Früherkennung parodontaler Entzündungen.

Biomarker-Tests seien nicht nur für Mediziner, sondern auch für Zahnärzte hilfreich, da die klinische Untersuchung mittels Taschentiefenbestimmung aufwendig sei und sich nicht optimal standardisieren lasse. Blutungen kämen zudem meistens erst dann zum Vorschein, wenn die Parodontitis bereits in einem fortgeschrittenen Stadium sei.

Prof. Friedmann räumte allerdings ein, dass die MMP-8-Forschung sehr viel weiter und die Testverfahren zuverlässiger seien als bei Calprotectin.

Dr. med. Markus Vogt, Arzt für Frauenheilkunde sowie spez. Geburtshilfe und Perinatalmedizin, Oberarzt der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, Campus Mitte, sieht einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburtlichkeit.

Das Fetal Inflammatory Response Syndrome (FIRS), sei die Ursache für Frühgeburten und wichtigster Risikofaktor für pulmonale und neurologische Entwicklungsstörungen. Eine maternale Inflammation erhöhe das Infektionsrisiko für den Fötus. 40% aller Frühgeburten seien auf eine mütterliche „intrauterine“ Infektion zurückzuführen. Zu ihren Ursachen zählt Dr. Vogt auch die Parodontitis, die eine Erhöhung des Frühgeburtsrisikos um das siebenfache bedeuten könne. Habe die Mutter eine Parodontitis, erhöhten Bakterien die Synthese der Mediatoren die gleichsam bei einer Geburt beteiligt seien. Matrixmetallopoteinase-8 (MMP-8) sei hierbei ein Marker für untergewichtige Frühgeburten.

Der Moderator der Diskussionsrunde Jan-Philipp Schmidt, Geschäftsführer der IDI-PARO, Zahnarzt und Gesundheitsökonom unterstrich, dass auch die Politik aktiv werden und bestehende Hürden abbauen müsse. Hierzu zählte er u.a. die Tatsache, dass Mediziner ihre Patienten Zahnmedizinern nicht direkt überweisen können, folglich Kassenpatienten in der Zahnarztpraxis noch einmal die Praxisgebühr zahlen müssen.

Im Anschluss an die Vorträge gab es eine Diskussion in deren Verlauf geäußert wurde, dass die Defizite im deutschen Gesundheitswesen auch darauf zurückzuführen seien, dass in Deutschland ein gesundheitspolitisches Bildungsproblem bei Teilen der Bevölkerung existiere, welches es zu beseitigen gilt.

Die medizinische Basisversorgung ist in Deutschland durch das solidarische Grundsicherungssystem gegeben. Doch die Referenten betonten, dass es noch Raum für Verbesserung in der Gesundheitsversorgung gebe.

Der Tenor der Veranstaltung war einstimmig: In Deutschland gibt es sowohl bei der Bekämpfung der Volkskrankheit Parodontitis als auch bei der interdisziplinären Kooperation der Ärzte und Zahnärzte untereinander noch deutlichen Verbesserungsbedarf. Zudem wäre es hilfreich, wenn neben den zahlreichen US-amerikanischen Studien über Parodontitis in Bezug zu anderen Erkrankungen noch mehr deutsche medizinische und sozio-ökonomische Untersuchungen erfolgen würden. In diesen Bereichen engagiert sich die IDI-PARO zum Wohle der Patienten. Trotz zahlreicher Erfolge steht die IDI-PARO noch am Anfang ihrer Arbeit und ist auf die Unterstützung aus Politik und Medizin sowie auf die Mitarbeit der Patienten angewiesen.

Ärzte und Zahnmediziner etablieren interdisziplinäre Netzwerke, die Politik muss die Kooperationshürden beseitigen und jeder Bürger, dies gilt besonders für Risikopatienten, muss auf seine persönliche Mundgesundheit achten.

Weiterführende Informationen über die IDI-PARO sowie die Berliner Stiftungswoche finden Sie unter:

www.idi-paro.de
www.parofrüherkennung.de
www.berlinerstiftungswoche.eu/


Interdisziplinäre Diagnostik-Initiative für Parodontitisfrüherkennung
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