28. März 2011 in Kategorie: Aktuell

Im Rahmen der 34. Internationalen Dental-Schau (IDS) präsentierten 1.956 Anbieter aus 58 Ländern Innovationen und Trends für die ganze Zahnheilkunde. Dabei reicht die Entwicklung, wie die folgende fachliche Betrachtung der IDS 2011 zeigt, von der Prophylaxe über Diagnostik und Restauration bis hin zu Spezialbehandlungen. Digitaler Workflow: neue Chancen für Labor und Praxis

Foto: Koeln Messe Foto: Koeln Messe

Eine der bedeutendsten aktuellen Entwicklungen stellt die Komplettierung der digitalen Herstellungskette von der zahnärztlichen Abformung bis zur fertigen Krone, Brücke oder Suprastruktur dar. Kamen bereits zur IDS vor zwei Jahren die ersten Oralscanner für eine „Abformung ohne Abformmaterial“ auf den Markt, so haben sich die Auswahlmöglichkeiten für Zahnarzt und Zahntechniker nun vervielfacht. Heute bietet eine ganze Reihe von Unternehmen dafür unterschiedliche Geräte und Techniken. Manche basieren auf Videosignalen, andere arbeiten unter Verwendung blauer LEDs oder nach dem konfokalen Prinzip, wieder andere kombinieren Optik und Ultraschall. Bei manchen Modellen kann selbst auf den Einsatz von Kontrastspray oder Puder gänzlich verzichtet werden.

Die primär generierten Scandaten lassen sich nun sogar für die Herstellung von individuellen Implantataufbauten nutzen. Bei bestimmten Verfahren werden nicht einmal mehr Abformpfosten benötigt – ein Plus an Effizienz und Weichgewebsschonung. Stattdessen wird ein Gingivaformer gescannt. Seine Oberfläche weist spezielle Markierungen auf, die alle für das digitale Design des Abutments erforderlichen Informationen wiedergeben. Im Anschluss ist die Chairside- oder Labside-Fertigung von Restaurationen möglich, und in der Art der Kommunikation und der Kooperation in Netzwerken mit der Industrie sind neue Akzente hinzugekommen. Zu den jüngsten Entwicklungen zählen weit gehende Angebote von Zentralfertigern.

Immer mehr Gerüstwerkstoffe werden verfügbar – neben Zirkonoxid, Kobalt- Chrom und Titan jetzt verstärkt Edelmetall. Aktuelle Innovationen ermöglichen dem Labor sogar eine CAD/CAM-Fertigung ohne betriebseigenes High-Tech- Equipment. Das Spektrum reicht bis zu speziellen implantatprothetischen Arbeiten einschließlich individueller ein- oder zweiteiliger Abutments. Auch öffnen sich selbst die vor Jahren nach außen hermetisch verschlossenen CAD/CAM-Systeme, zum Beispiel durch Schnittstellen zu Oralscannern von Wettbewerbern. Für das zahntechnische Labor wird es damit einfacher, den Wert des vorhandenen Geräteparks durch „Zusammenschaltung“ mit neuen Systemen aufzuwerten.

Die Planung kompletter implantologischer Behandlungen wird durch die Kombination von DVT- und CAD/CAM-Technologie beflügelt, die es Zahnärzten neuerdings ermöglicht, Implantate chirurgisch und prothetisch simultan zu planen. Selbst Blöcke aus Knochenersatzmaterialien werden ja heute schon computergestützt gefräst! Auch die Gestaltung von Kauflächen wird inzwischen durch Software-Tools wesentlich erleichtert, und für die ästhetische Gestaltung eröffnen sich gleich mehrere attraktive zusätzliche Möglichkeiten.

So verfügt ein neues Zirkonoxid-Gerüstmaterial über eine besonders hohe Transluzenz. Damit lassen sich jetzt ästhetische Frontzahnrestaurationen mit lebendiger Lichtdynamik sicherer erreichen. Aufgrund aktueller Studienergebnisse eignet sich der Werkstoff darüber hinaus für substanzschonende vollanatomische Versorgungen im Seitenzahnbereich. Auch empfehlen sich neuartige polychromatische Rohlinge für die Press-Technologie zur Herstellung von hochästhetischen, monolithischen Front- und Seitenzahnkronen sowie für Veneers. Speziell anterior lassen sich Kronen und Veneers aus einem in seinem Inneren strukturierten Feldspatkeramikblock computergestützt herausfräsen, wobei sich je nach den ästhetischen Erfordernissen unterschiedliche Farbeffekte erzielen lassen.

High-tech im zahnärztlichen Alltag

Jenseits von CAD/CAM gibt die Füllungstherapie nach wie vor einen Großteil der Aufgaben in der zahnärztlichen Praxis vor – doch auch hier steckt High-tech drin! Aktuelle Entwicklungen in der Werkstofftechnologie führen unter anderem zu Glasionomeren, die deutlich länger als ihre Vorgänger im Mund des Patienten verbleiben können. Das macht in so manchem Fall, in dem bisher Amalgam verwendet wurde, eine ansprechende „Zwischenversorgung für mehrere Jahre“ möglich. Basis dafür sind mit Zink modifizierte reaktive Glasfüller, dies zu einem deutlich früheren Aufbau von mechanischer Festigkeit führen.

Bei der Versorgung im posterioren Bereich lassen sich jetzt okklusionstragende Restaurationen einfach „injizieren“: Der hochpräzisen Restaurationsaufbau erfolgt direkt aus der Spritze. Das neue Material ist in zwei Viskositäten verfügbar und gewährleistet selbst bei direkten Klasse-I- und Klasse-IIRestaurationen eine anatomisch korrekte Ausgestaltung im okklusalen Nahbereich.

Bei einer Zeitersparnis von 30 Prozent lassen sich Kompositfüllungen jetzt mit Unterstützung von Schwingungsenergie legen. Die macht den Kunststoff zunächst fließfähiger, und nach Rückkehr zur erhöhten Viskosität kann das Komposit modelliert werden – und das bei geringer Materialschrumpfung und einer Aushärtungstiefe von bis zu 5 Millimetern. Eine weitere Innovation für den „ganz normalen Alltag“: Zur Befestigung von Kronen, Brücken, Inlays (Gold) und Onlays steht jetzt Zement aus der Kapsel zur Verfügung. Gegenüber dem Anmischen von Hand bietet dieses Verfahren eine Reduzierung der Anmischzeit von 90 Sekunden auf 10 Sekunden und garantiert ein optimales Pulver-Flüssigkeits-Verhältnis. Für eine Beschleunigung der Therapie bei einem einzelnen fehlenden Seitenzahn sorgen jetzt konfektionierte Brücken. Durch die substanzschonende Präparation von kleinen Slot-Kavitäten ist das jetzt in einer halben Stunde chairside zu bewerkstelligen. Das neue System eignet sich für die Versorgung bei Lücken mit einer Größe zwischen 9 und 11 mm.

Mit immer weniger Feilen zu noch höheren Endo-Erfolgsquoten

Wird bei stark zerstörten und/oder von Bakterien befallenen Zähnen eine endodontische Behandlung notwendig, so stehen jetzt Systeme mit wenigen Feilen für ein sichereres und schnelleres Vorgehen zur Verfügung. Der Zahnarzt kann sich entscheiden, ob er beispielsweise mit drei maschinengetriebenen Feilen die gesamte Wurzelkanalaufbereitung bewältigen möchte oder neuerdings mit einer einzigen – was in 90 Prozent aller Fälle möglich ist. Er kann dabei sogar noch zwischen „schnelleren“ und „sanfteren“ Varianten wählen.

Auch die Ozontherapie befindet sich im Aufwind. Eine Weiterentwicklung schickt sich an, durch die höhere Ozonkonzentration von bis zu 32 g/m3 eine bessere Desinfektionswirkung und überzeugende Erfolge sowohl in der Kariestherapie wie in der Endodontie zu erzielen. Innerhalb weniger Sekunden sollen dabei 99,9 Prozent der Kariesbakterien inaktiviert und Proteine zerstört werden. Speziell in der Endodontie soll der Ozon-Einsatz nach der Aufbereitung in nur einer Minute alle Biofilmkeime im fein verzweigten Wurzelkanalsystem eliminieren können.

Zur Steigerung der Erfolgsquote in der Endodontie und zur Erhaltung der Pulpavitalität bietet sich ein neues, synthetisches, aber fast naturidentisches „Dentin“ auf Trikalziumsilikat-Basis an. Es fungiert, nach der üblichen Wurzelkanalfüllung mit Guttapercha und Sealer, als Versiegelung der Perforation des Pulpabodens. Dabei wirkt es dank seines hohen pH-Werts gegen schädliche Mikroorganismen und eignet sich auch zur Füllung der Kavität vor der definitiven Versorgung. Das Material lässt sich neben der Anwendung in der Endodontie auch allgemein zur Unterfüllung bei bei tiefen Kavitäten oder für Inlays und Onlays sowie zur Überkappung einer freiliegenden Pulpa nutzen. In der Spezialdisziplin Kieferorthopädie machen neue Verfahren zur Bekämpfung von White Spots von sich reden. Das Problem: Brackets, Bänder und Apparaturen können problematisch für eine gründliche Mundhygiene sein. Selbst bei bester Compliance können während der KFO-Behandlung Kalziumverluste an Zähnen und damit weißliche Initialkariesläsionen entstehen. Eine spezielle Zahnschutzcreme, die sowohl vom Zahnarzt während der Behandlung als auch vom Patienten zu Hause eingesetzt werden kann, und lichthärtende Glasionomerzemente erlauben nun ein effektives Management von White Spots im Umfeld der KFO-Behandlung.

Sicherer diagnostizieren – minimalinvasiv behandeln

Damit es gar nicht erst zu einer stärkeren Zerstörung von Zähnen kommt, stehen jetzt weiterentwickelte diagnostische und prophylaktische Möglichkeiten zur Verfügung. Mit bildgebenden Verfahren lassen sich zum Beispiel Initialkariesläsionen und unterminierende Karies bei intakter Kaufläche sicherer erkennen als mit der bloßen visuellen Inspektion – und das wird immer komfortabler. Namentlich haben sich Intraoralkamera und Fluoreszenzkamera endgültig zu einer kompakten Funktionseinheit vereint. Dabei eröffnen effektive Filterfunktionen neue Möglichkeiten in der Karies-, aber auch in der Paro- oder Endo-Diagnostik. Eine minimalinvasive Therapie ist im Anschluss viel häufiger als vor einigen Jahren möglich.

Um parodontale Krankheitsgeschehen zu erfassen, noch bevor sie visuell erkennbar werden, stehen innovative mikrobiologische Verfahren zur Verfügung. Geprüft wird dabei auf ein spezielles Enzym (aMMP-8; aktive Matrixmetalloproteinase-8), das sich mit einem Antikörpertest nachweisen lässt. Ein positives Ergebnis deutet auf Abbauvorgänge am Zahnhalteapparat – und das in einem Stadium, in dem sie in der Regel noch zu stoppen sind. Zur Entfernung des Biofilms in der professionellen Prophylaxe stehen unter anderem überarbeitete Versionen bekannter Ultraschallgeräte zur Verfügung, die beispielsweise das Prinzip der Schwingungsumlenkung mit der konventionellen Scaler-Technologie kombinieren. Für die professionelle Zahnreinigung steht eine desensibilisierende Prophylaxepaste auf der Basis von Novamin zur Verfügung. Die Entwicklung dieses Wirkstoffs begann bereits in den 1990er Jahren bei einem Knochenregenerationsmaterial, das die Forscher auf neue Indikationen hin optimierten. Heute bildet Novamin die Grundlage für ein umfassendes Konzept für Patienten mit sensiblen Zahnhälsen – für die professionelle Prophylaxe und für die Anwendung zu Hause.

Damit es gar nicht erst zu oralen Erkrankungen kommt ...

Ein Mega-Trend in der häuslichen Mundpflege heißt seit Jahren: Statt der Handzahnbürste kommt bevorzugt die elektrische zum Einsatz – und die wird sogar zum persönlichen Coach, indem sie mit dem Patienten kommuniziert. Zusätzliche optische und akustische Feedback-Elemente fördern jetzt Motivation, Pflegeverhalten und Reinigungsergebnisse des Patienten im Sinne einer gründlichen und schonenden Mundhygiene.

Die hier im Einzelnen dargestellten Innovationen stellen naturgemäß einen Ausschnitt aus einem größeren Spektrum dar. Dabei sind es nicht immer nur die „großen Würfe“, die später den Alltag in Labor und Praxis entscheidend zu verbessern helfen. Ein Beispiel: In der Röntgentechnologie eröffnet die Digitalisierung enorme Möglichkeiten – von der Bildverarbeitung über die Archivierung bis zur Anbindung an Abrechnungssysteme. Aber Software und Datenautobahn sind längst nicht alles, denn die Grundlage für eine perfekte Aufnahme stellt eine ebenso perfekte Haltetechnik dar. Das ist bei Speicherfolien und Sensoren nicht anders als beim analogen Film. Neue Röntgenhalte-Systeme führen sicherer zum Ziel – indem sie etwa den Biss besser fixieren und eine Positionierung des Röntgentubus zur oralen Situation im stets exakt gleichen Winkel ermöglichen.

In der Chirurgie sorgt ein neues Präparat durch eine pH-Wert-Verschiebung und Stimulierung der Kollagen-Synthese für schonendere und beschleunigte Wundheilung – praktisch wie ein kompletter Knochenwundverband. Aufgrund der bakteriostatischen Wirkung soll sogar auf die Gabe von Antibiotika, Analgetika und Antiseptika oftmals verzichtet werden können. Für die Weichgewebschirurgie steht jetzt ein Nahtmaterial zur Verfügung, das durch eine besonders kurzfristige Resorption und ein neuartiges Abbauprofil eine schnelle Abheilung verspricht – und speziell im Frontzahnbereich auch eine verbesserte Ästhetik.

Die Lasertechnologie bringt indessen immer vielseitigere und flexibler einsetzbare Geräte hervor. Dank der Verwendung von Lithiumionen-Akkus lassen sich jetzt auch Diodenlaser ganz bequem von einem Behandlungszimmer ins nächste mitnehmen. Andere Geräte sind multitaskingfähig und verbinden die Vorteile des Lasers mit den Zusatzfunktionen der Hochfrequenz- Technologie. Die Anwendungsmöglichkeiten des Kombi-Systems erstrecken sich damit auf viele Indikationen – sowohl in der Parodontologie, Endodontie wie in der Implantat- und der Oralchirurgie.

Das Innovationstempo zieht weiter an

Die Internationale Dental-Schau 2011 hat gezeigt: Das seit der Jahrtausendwende deutlich gesteigerte Innovationstempo erfasst alle Bereiche von Zahnmedizin und Zahntechnik. Dabei braucht man beim Einstieg in eine aktuelle Technologie oftmals das eine oder andere Problemchen, das vor drei bis fünf Jahren noch bestand, gar nicht mehr zu bedenken – weil die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Dental-Industrie es inzwischen schon gelöst haben. So ergeben sich für Labor und Praxis immer wieder neue, manchmal überraschende Chancen. In diesem Sinne dürfen sich die diesjährigen und zukünftigen IDS-Besucher bereits auf die Internationale Dental-Schau vom 12. bis 16. März 2013 freuen.

Die IDS (Internationale Dental-Schau) findet alle zwei Jahre in Köln statt und wird veranstaltet von der GFDI – Gesellschaft zur Förderung der Dental-Industrie mbH, dem Wirtschaftsunternehmen des Verbandes der Deutschen Dental-Industrie e.V. (VDDI), durchgeführt von der Koelnmesse GmbH, Köln.

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