08. März 2011 in Kategorie: Aktuell

Marina Buchmann hat kürzlich an der Universität Bielefeld im Bereich „Gesundheitswissenschaften“ eine Masterarbeit im Bereich Public Health zum Thema „Die Feminisierung der Zahnmedizin“ vorgelegt. In Absprache mit Frau Buchmann hat der Dentista Club, der der Autorin für die konstruktive Unterstützung ausdrücklich dankte, nun ein „Interview“ mit dieser Studie geführt, um die Kernpunkte – hier zum Bereich Relevanz für die Standespolitik – zusammenzuführen. Da diese Arbeit unter Public Health-Gesichtspunkten verfasst wurde, bietet sie „von außen“ gesehen interessante Ansätze für die zahnärztlichen Berufsvertretungen. Die Antworten auf die Fragen sind Original-Zitate aus der Magisterarbeit.

Marina Buchmann, Studiengang Public Health an der Universität Bielefeld / Gesundheitswissenschaft Marina Buchmann, Studiengang Public Health an der Universität Bielefeld / Gesundheitswissenschaft

Frage: Was bedeutet die wachsende Anzahl an Zahnärztinnen für die Standespolitik?
Studie: Durch den Veränderungsprozess der Mitgliederstruktur von vormals größtenteils männlichen Kollegen hin zu einem Großteil weiblicher Mitglieder ergeben sich auch für die Zahnärztekammern Anforderungen, um den Bedürfnissen aller Mitglieder gerecht werden zu können. () Die Zahnärztekammern müssen also wissen, welche Veränderungen die ‚Feminisierung’ mit sich bringt und inwiefern sie darauf reagieren können.

Frage: Was für Schwerpunkte zeigen sich hier?
Studie: Hier stehen Fragen zur beruflichen Ausübung im Vordergrund. Die fachliche Schwerpunktsetzung ist wegen des Angebotes an Fortbildungen durch die Kammern ebenso interessant wie ihre Einstellung zur Standespolitik. () Insbesondere bei den rechtlichen Grundlagen wird deutlich, in welcher Umbruchphase sich die Zahnmedizin aufgrund der ‚Feminisierung’ befindet.

Frage: Warum interessiert sich die Gesundheitswissenschaft für dieses Thema?
Studie: Aus Public Health-Sicht ist die ‚Feminisierung’ der Zahnmedizin aus zwei Perspektiven zu betrachten. Von Interesse ist einerseits die Versorgungsebene, denn es geht darum, Patienten ein größtmögliches Maß an Qualität anzubieten. Aus administrativer und politischer Sicht ist es andererseits wichtig, Strukturen zu schaffen, die es den Leistungserbringern ermöglichen, diese Qualität zu leisten. () In jüngster Zeit geraten die Arbeitsbedingungen in der (Zahn)Medizin verstärkt in den Vordergrund, und deshalb stellt sich hier wie auch in anderen Arbeitsbereichen die Frage nach der Berücksichtigung der Genderperspektive. Dies ist umso bedeutsamer, als in den vergangenen Jahren mehr Frauen den Beruf ergriffen haben.

Frage: Wo müsste denn etwas passieren?
Studie: Handlungsbedarf zur Optimierung der beruflichen Strukturen besteht zum Einen auf regionaler Ebene, also dort, wo Versorgung tatsächlich stattfindet. Zum anderen jedoch auch auf Bundesebene, wo mögliche Regelungen und Gesetze verankert bzw. verabschiedet werden. () Aufgabe der Public Health Disziplin könnte es beispielsweise auch sein, qualifizierte Berater zur Optimierung des Handlungsbedarfs hervorzubringen.

Frage: Das Thema „Gender“ sehen viele als „Frauenpolitik“ und haben entsprechende Berührungskonflikte...
Studie: Gender-Mainstreaming bedeutet, dass die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen gesellschaftlichen Vorhaben von vornherein berücksichtigt werden, „da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/2010). Geschlechterunterschiede können im Zuge der steigenden Anzahl von Frauen sowohl in der Medizin als auch in der Zahnmedizin zu weitreichenden Veränderungen führen, da Frauen und Männer unterschiedliche Ansprüche an den Beruf haben und diesen anders er- und ausleben. () Auch die Bund-Länder-Kommission für PM Dentista Club – Masterarbeit Buchmann – Seite 2 Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) sieht Handlungsbedarf bezüglich der ‚Feminisierung’ der Medizin.

Frage: Sie erwähnten die Medizin: Hier gibt es bereits einige Initiativen. Studie: Für die Zahnmedizin müssen jedoch andere Maßstäbe angesetzt werden, da sie in der Regel ambulant und durch niedergelassene Zahnärzte ausgeübt wird. Frage: In Ihrer Master-Arbeit sprechen Sie auch rechtliche Themen an...
Studie: Dabei stellt sich die Frage, ob die Mutterschutzbestimmungen tatsächlich dem Schutz der Mutter dienen oder diese eher kontraproduktiv sind, da sie viele Frauen in der zahnärztlichen Ausübung eher behindern. () Dass es tatsächlich notwendig ist, Schwangere von der (zahn)ärztlichen Tätigkeit fernzuhalten, bezweifelt die () BLK, da diese Regelungen jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis entbehren und so die Mutterschutzbestimmungen eher zu Hindernissen werden. Zitat: „Das Erfordernis dieser Bestimmungen ist () dem heutigen Stand der Technik nicht mehr angemessen“.

Frage: Warum engagieren sich bisher so wenige Zahnärztinnen in der Standespolitik...?
Studie: ... weil neben Beruf und Familienorganisation kaum Zeit für die Standespolitik bleibt. Ein selbstverwalteter Beruf ist jedoch auf die Beteiligung seiner Mitglieder angewiesen. () Des Weiteren ist bei Zahnärztinnen mit Kind, die in derselben Praxis wie ihre Ehemänner arbeiten (), eine klare Rollenverteilung zu erkennen. Während die Männer für den Aufbau und Zusammenhalt der Praxis zuständig sind, organisieren die Frauen das Familienleben. Dabei bleibt wenig bis gar keine Zeit für Fragen aus der Berufspolitik. Dieses Feld wird ebenfalls den Männern überlassen. () Umgekehrt bleibt festzuhalten, dass Zahnärztinnen, die in einer Praxis ohne ihren Ehemann tätig und/oder kinderlos sind, sich vermehrt auf den Beruf konzentrieren und dementsprechend interessierter an den Vorgängen in der Standespolitik sind. () Jüngere Zahnärztinnen haben tendenziell weniger Interesse, sich standespolitisch zu engagieren. Ein Grund hierfür ist das Gefühl, nichts bewirken zu können bzw. es sehr schwierig ist, etwas durchzusetzen.

Frage: Sie haben auch mit standespolitisch aktiven Zahnärztinnen gesprochen. Bleibt die Motivation hoch?
Studie: Bei einer langjährigen Mitarbeit in der Standespolitik kann () der Frust einsetzen, wenn es nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat bzw. es zu langsam vorangeht. Es wurde die Erfahrung gemacht, dass die Veränderung von verschiedenen Angelegenheiten einerseits sehr viel Zeit brauchen und andererseits Geltungsbedürfnisse der Mitstreiter dieses erschweren können. Dies führt wiederum zur Lähmung der eigenen Aktivität, so dass „die Lust vergeht“. () Das Interesse an der Berufspolitik korreliert mit dem Alter der Zahnärztinnen. Knapp 70 % der 55 – 64jährigen () haben Interesse.

Frage an die Autorin der Master-Arbeit: Wollen die Zahnärztinnen eigentlich überhaupt „gefragt“ und wahrgenommen werden?
Marina Buchmann: Wir hatten vermutet, dass für die ausführlichen Interviews mehrere Anrufe und viele gute Worte nötig sein würden, um die jeweilige Zahnärztin ans Telefon zu bekommen, das bewahrheitete sich aber nicht. Was die Standespolitik betrifft: Wenn Zahnärztinnen als Expertin ihrer eigenen Situation gesehen werden, können sie sehr viele Anregungen zu Verbesserungen geben. Dazu ist es wichtig, ihre Stimmen zu hören. Damit sie sich in der Standespolitik dann auch engagieren, müssen die weiblichen Kammermitglieder, das lässt sich aus den Interview-Antworten schließen, wohl vermehrt persönlich angesprochen und einbezogen werden.

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