29. November 2011 in Kategorie: Zahnmedizin
Avitale und fistelnde Milchzähne die normalerweise extraktionswürdig sind, können erfolgreich therapiert werden. Eine Bedingung für diese Therapie ist, dass es sich um Zähne handelt, die sich in Form und Funktion mit konservierenden Mitteln wieder herstellen lassen.
Dr. med. Henry Heinrich
Die Kausaltherapie von avitalen und fistelnden Milchzähnen ist in der Regel die Extraktion. Bei stark destruierten Gebissen stellt dies ohne Zweifel das Mittel der Wahl dar. Die Extraktion solcher Milchzähne kann aber – in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des folgenden Zahnwechsels – oft erhebliche kieferorthopädische Probleme verursachen, die dann aufgrund entstehender Engstände aufwendige Folgebehandlungen notwendig machen. Im Praxisalltag sieht man aber auch Patienten mit relativ gut erhaltenen Milchgebissen, in denen nur der eine oder andere Zahn aus unterschiedlichsten Gründen die oben genannte Symptomatik aufweist.
Nicht zuletzt ist eine Therapie zum Erhalt dieser Milchzähne aus kieferorthopädischer Sicht sinnvoll.
Welche Eigenschaften muss ein solches Verfahren haben?
Es muss selektiv die Keime, welche die Entzündungsprozesse verursachen, ohne systemische Nebeneffekte zerstören und wundheilungsfördernd sein. In Anbetracht des noch sehr jungen Alters dieser Patienten, ist es weiterhin wünschenswert, dass die Therapie schmerzfrei, minimalinvasiv und effizient ist.
Ich arbeite seit zwei Jahren mit einem Verfahren, welches genau diese Eigenschaften aufweist. Es ist das Photolase®-System – eine neuartige photodynamische Therapie. Die Unterschiede zu den herkömmlichen Verfahren bestehen hierbei in der verwendeten Wellenlänge von 810 nm und dem speziell auf diese Wellenlänge abgestimmten Farbstoff. Damit ist es gelungen die Eindringtiefe des anregenden Laserlichtes auf bis zu 4 cm in biologisches Gewebe zu erhöhen. Der Grund dafür ist, dass die verwendete Wellenlänge im sog. optimalen „optischen Fenster“ von 720-950 nm befindet. In diesem Frequenzintervall spielen die sonst die Lichtabsorption stark beeinflussenden Faktoren (Wasser Hämoglobin, Proteine, Nucleinsäuren und Melanin) für die Lichteindringtiefe eine geringere Rolle als in den sonst üblichen Wellenlängenbereichen der sog. aPDT (antimikrobielle photodynamische Therapie). In Verbindung mit dem hohen Penetrationsvermögen des Photolase®- Sensitizers (ein spezieller Farbstoff) in die Mikrokanäle der Wurzeln ist es damit erstmalig gelungen, bakterizide Effekte auch durch extrakanalikuläre Anstrahlung zu erreichen, da der Sensitizer sehr gut an die entsprechenden Membranstrukturen beteiligter Keime ankoppelt und diese dann über die Bildung sog. reaktiver Sauerstoffradikale zerstört. Dieses neuartige Verfahren hat sich bei problematischen endodontischen Fällen bereits hervorragend bewährt. Hiermit therapiere ich nun seit einem Jahr auch erfolgreich die normalerweise extraktionswürdigen avitalen und fistelnden Milchzähne. Eine Bedingung für diese Therapie ist, dass es sich um Zähne handelt, die sich in Form und Funktion mit konservierenden Mitteln wieder herstellen lassen.
Im Einzelnen gehe ich wie folgt vor: Nach genauer Indikationsstellung werden Karies und nekrotische Pulpenreste aus der Milchzahnkrone entfernt. Anschließend wird der Sensitizer in die trockene Kavität und auch, wenn vorhanden, über den Fistelkanal in den periradikulären Entzüdungsbereich eingebracht. Die Bestrahlung des betreffenden Zahnes erfolgt dann von koronal, vestibulär und lingual mit einem speziell dafür entwickelten sog. kollimierten Laserhandstück. Hierbei ist es möglich, die für eine suffiziente Wirkung notwendige Lichtdosis von 15-50 J/cm2 in wenigen Sekunden zu erreichen. Die Wirkung erfolgt über rein photochemische Prozesse, ohne thermische Effekte auszulösen. Abschließend wird die Kavität mit einem provisorischen Zement dicht verschlossen. Nach 7-14 Tagen erfolgt eine klinische Kontrolle. Die von mir so behandelten Zähne waren nach dieser Zeit okklusal belastbar und in jedem Fall hatte sich der Fistelgang geschlossen. Die definitive konservierende Versorgung erfolgt mit einer adhäsiven Füllung. Ein dichter Verschluss ist für einen Langzeiterfolg unerlässlich. Das hier beschriebene Vorgehen erscheint mir auf Grund meiner bisher positiven Erfahrungen, die ich auch bei Problemfällen in der allgemeinen Endodontie mit diesem System gemacht habe, ein interessanter neuer Therapieansatz zu sein.
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